Pressearbeit in der Industrie: Strategie, Fachpresse & Praxis 2027
Aktualisiert: vor 2 Tagen

Pressearbeit in der Industrie folgt dabei denselben strategischen Grundlagen wie andere Bereiche der Unternehmenskommunikation: Sie soll Vertrauen aufbauen, relevante Zielgruppen erreichen und die öffentliche Wahrnehmung eines Unternehmens langfristig stärken. Einen umfassenden Überblick über Aufgaben, Instrumente und aktuelle Entwicklungen bietet mein Leitfaden zur Presse- und Öffentlichkeitsarbeit 2027.
Inhalt
Warum Pressearbeit in der Industrie besondere Anforderungen stellt

„Die Industrie“ ist keine homogene Zielgruppe. Ein Chemieunternehmen kommuniziert anders als ein Automobilzulieferer. Ein Lebensmittelhersteller hat andere Themen und regulatorische Rahmenbedingungen als ein Maschinenbauer. Bei einem Baustoffhersteller können Energieverbrauch und Rohstoffe eine zentrale Rolle spielen, während bei einem Medizintechnikunternehmen Produktzulassungen und Forschung stärker im Vordergrund stehen. Trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten.
Viele Industrieunternehmen bewegen sich in Märkten, die für Außenstehende zunächst schwer zugänglich sind. Produkte, Produktionsprozesse und Wertschöpfungsketten sind häufig erklärungsbedürftig. Gleichzeitig verfügen Fachjournalisten und Teile der Zielgruppe über tiefes Branchenwissen. Die Kommunikation muss deshalb verständlich sein, ohne die Sache unnötig zu vereinfachen. Hinzu kommt, dass ein Thema für verschiedene Öffentlichkeiten aus ganz unterschiedlichen Gründen interessant sein kann.
Bei der Erweiterung eines Produktionsstandorts interessiert die lokale Presse möglicherweise, wie viele Arbeitsplätze entstehen. Ein Fachmedium möchte wissen, welche Kapazitäten aufgebaut werden. Für die Wirtschaftspresse können Investitionssumme und Marktentwicklung interessant sein. Kunden wiederum interessieren sich möglicherweise stärker für Lieferfähigkeit und Produktionskapazitäten.
Gute Industrie-PR sucht deshalb nicht nach der einen Botschaft für alle. Sie findet den passenden Blickwinkel für das jeweilige Medium und dessen Leser.
Fachpresse bleibt ein wichtiger Bestandteil der Industriekommunikation

Industrieunternehmen sollten Medien nicht ausschließlich nach ihrer Reichweite bewerten.
Gerade in spezialisierten Märkten kann ein Fachmedium mit einer überschaubaren Leserschaft wertvoller sein als eine wesentlich größere Publikation, deren Leser mit dem Thema kaum Berührungspunkte haben.
Die Fachpresse spielt bei beruflichen Entscheidungen weiterhin eine relevante Rolle. Laut einer Sonderauswertung der LAE 2024 nutzen 45,2 Prozent der befragten beruflichen Entscheider Fachzeitschriften regelmäßig. Werden regelmäßige und gelegentliche Nutzer zusammen betrachtet, sind es 85,5 Prozent. [2]
Allerdings ist auch „die Fachpresse“ kein einheitlicher Block. Ein Chemieunternehmen kann gleichzeitig Medien aus Chemie, Verfahrenstechnik, Nachhaltigkeit und Wirtschaft ansprechen. Für einen Lebensmittelhersteller können Produktions-, Lebensmittel-, Verpackungs- oder Handelsmedien relevant sein. Bei einem Automobilzulieferer kommen wiederum Automotive-, Werkstoff- oder Elektronikmedien infrage.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
Wie viele Journalisten stehen in unserem Verteiler? Sondern: Welche Redaktionen beschäftigen sich tatsächlich mit diesem Thema?
Diese Themen eignen sich für Industrie-PR

Gute Industrie-Pressearbeit beschränkt sich nicht auf Produktneuheiten. Gerade die Breite möglicher Themen wird häufig unterschätzt.
Investitionen und Standorte
Ein neues Werk, die Erweiterung einer Produktion oder eine größere Modernisierung kann gleich mehrere journalistische Perspektiven bieten. Interessant können beispielsweise die Höhe und der Zweck der Investition, zusätzliche Kapazitäten, neue Arbeitsplätze, modernisierte Produktionsverfahren oder die strategische Bedeutung eines Standorts sein.
Auch Auswirkungen auf Energieverbrauch, Ressourcen oder Lieferketten können eine Rolle spielen. Ein und dieselbe Investition kann damit für lokale Medien, Fachpresse und Wirtschaftspresse aus völlig unterschiedlichen Gründen interessant sein.
Produkte und Produktentwicklung
Neue Produkte bleiben natürlich ein wichtiges Thema. Entscheidend ist jedoch, ob mehr dahintersteckt als die bloße Markteinführung. Ein neuer Werkstoff kann beispielsweise ermöglichen, Gewicht einzusparen. Eine neue Verpackung kann den Materialverbrauch reduzieren. Eine veränderte Lebensmittelrezeptur kann auf neue Anforderungen reagieren. Eine Maschinenkomponente kann Wartungsintervalle verlängern. Der Produktname ist dabei selten die eigentliche Geschichte.Die Geschichte steckt meist in der Veränderung, die das Produkt ermöglicht.
Produktion und Prozesse
Auch Veränderungen hinter den Werkstoren können journalistisch interessant sein.
Dazu gehören neue Fertigungsverfahren, Automatisierung, Qualitätskontrolle, Digitalisierung, Kreislaufwirtschaft oder Maßnahmen zur Verringerung des Energie- und Materialeinsatzes.
Besonders interessant werden solche Themen, wenn nicht nur die technische Veränderung beschrieben wird, sondern auch ihre Auswirkungen.
Was verändert sich bei den Kosten?
Steigt die Produktionskapazität?
Sinkt der Ressourcenverbrauch?
Verbessert sich die Qualität?
Solche Zusammenhänge machen aus einem internen Produktionsthema eher eine relevante Geschichte.
Nachhaltigkeit und Transformation
Kaum ein Industriezweig kommt an Themen wie Energie, Emissionen, Rohstoffen oder Kreislaufwirtschaft vorbei. Für die Pressearbeit reicht eine allgemeine Nachhaltigkeitsbotschaft allerdings selten aus.
„Wir möchten nachhaltiger werden“ ist keine besonders starke Nachricht.
Interessanter wird es, wenn ein Werk einen Produktionsschritt tatsächlich umstellt, ein Unternehmen einen Rohstoff ersetzt, Abwärme für andere Prozesse nutzt oder einen neuen Recyclingkreislauf einführt. Je konkreter die Veränderung, desto besser lässt sie sich journalistisch einordnen.
Forschung und Entwicklung
Industrieunternehmen verfügen häufig über Wissen, das außerhalb des Unternehmens kaum vorhanden ist. Forschungsprojekte, Kooperationen mit Hochschulen, neue Werkstoffe, Tests, Pilotanlagen oder Erkenntnisse aus der Entwicklung können gute Fachthemen liefern. Nicht jede Entwicklung muss dabei bereits ein fertiges Produkt sein.
Auch ein Blick in laufende Forschungs- und Entwicklungsarbeit kann interessant sein, wenn daraus eine größere Entwicklung für die Branche erkennbar wird.
Eigene Daten und Marktbeobachtungen
Unternehmen sammeln in ihrem Alltag Informationen, die auch außerhalb des Unternehmens interessant sein können. Dazu gehören beispielsweise anonymisierte Produktions- oder Servicedaten, Kundenbefragungen oder Beobachtungen über Veränderungen der Nachfrage. Wer solche Daten sinnvoll aufbereitet, wird nicht nur zum Absender einer Unternehmensbotschaft. Das Unternehmen kann selbst zur Informationsquelle für eine Branche werden.
Personal und Arbeitswelt
Auch Arbeitgeberthemen können Teil der Industrie-PR sein. Ausbildung, Fachkräftemangel, neue Berufsbilder, Weiterbildung oder Veränderungen der Arbeit durch Automatisierung und KI bieten insbesondere für regionale Medien und Fachmedien mögliche Anknüpfungspunkte.
Wirtschaftliche Entwicklungen
Geschäftsentwicklung, Exportmärkte, Lieferketten, Kooperationen, Übernahmen oder Veränderungen eines Geschäftsmodells können ebenfalls relevant sein.
Auch hier entscheidet der Kontext. „Unternehmen steigert Umsatz“ ist für sich genommen selten eine außergewöhnliche Geschichte. Interessant kann es dagegen werden, wenn sich daran eine größere Veränderung eines Marktes oder einer Branche erkennen lässt.
Aus einer Unternehmensmeldung wird erst durch den Kontext eine Geschichte
Nehmen wir ein Beispiel:
Ein Lebensmittelhersteller nimmt am Standort Karlsruhe eine neue Produktionslinie in Betrieb.
Für das Unternehmen ist das relevant. Für eine Redaktion fehlt aber zunächst der journalistische Blickwinkel. Angenommen, das Unternehmen investiert 18 Millionen Euro, erhöht seine Produktionskapazität um 30 Prozent, schafft neue Arbeitsplätze und senkt zugleich den Energieverbrauch.
Daraus können je nach Medium unterschiedliche Geschichten entstehen:
Regionalpresse: Investition, Arbeitsplätze und Bedeutung des Standorts
Lebensmittel-Fachmedium: neue Kapazitäten und veränderte Produktionsprozesse
Verpackungsmedium: neue oder materialärmere Verpackungslösungen
Energie- und Nachhaltigkeitsmedien: geringerer Energie- oder Ressourcenverbrauch
Der entscheidende Punkt ist: Nicht jede Redaktion braucht dieselbe Geschichte.
Professionelle Industrie-Pressearbeit arbeitet deshalb mit unterschiedlichen Blickwinkeln auf dasselbe Ereignis. Entscheidend ist, welcher Aspekt für die jeweilige Zielgruppe relevant ist und welche Fakten ihn belegen. Das Thema bleibt gleich. Der journalistische Blickwinkel verändert sich.
Ein kurzer Story-Check vor dem Versand
Bevor ein Thema aktiv an Medien geschickt wird, lohnt sich ein kurzer interner Test. Fünf Fragen reichen dafür:
Was ist tatsächlich neu?
Wer ist davon betroffen?
Warum ist die Entwicklung gerade jetzt relevant?
Was können wir konkret belegen?
Warum sollte sich jemand außerhalb unseres Unternehmens dafür interessieren?
Wer auf die letzte Frage keine überzeugende Antwort findet, hat wahrscheinlich noch keine fertige Mediengeschichte. Das bedeutet nicht, dass das Thema wertlos ist. Vielleicht eignet es sich hervorragend für die Unternehmenswebsite, LinkedIn oder einen Newsletter. Nicht jede Unternehmensinformation muss Pressearbeit werden.
Pressemitteilung, Fachartikel oder Anwenderbericht?
Die Pressemitteilung ist nur eines von mehreren Formaten.
Für eine klar abgrenzbare Nachricht – etwa eine größere Investition, eine relevante Produkteinführung, einen neuen Standort oder eine Unternehmensentwicklung – kann sie genau richtig sein.
Cisions internationale Journalistenbefragung 2025 zeigt, dass Pressemitteilungen keineswegs überholt sind. 72 Prozent der Befragten bezeichneten sie als besonders nützliche Ressource von PR-Teams. [4]
Bei anderen Themen funktionieren andere Formate besser. Ein komplexer Sachverhalt kann zum Fachartikel werden. Ein konkretes Kundenprojekt lässt sich als Anwenderbericht erzählen. Bei einer größeren Marktveränderung kann ein Interview mit einem Experten interessanter sein.
Eigene Daten bieten sich möglicherweise für eine Studie oder einen Branchenreport an.
Und manchmal bringt ein Hintergrundgespräch mehr als jede Pressemitteilung.
Die Formatentscheidung sollte deshalb erst nach der Themenentscheidung fallen.
Pressearbeit, Sponsoring und Paid Media: Wann lohnt sich was?
Nicht jede relevante Botschaft besitzt ausreichenden Nachrichtenwert für eine redaktionelle Veröffentlichung. Genau hier können bezahlte Formate sinnvoll sein.
Industrieunternehmen nutzen beispielsweise Advertorials, Sponsored Content, Fachnewsletter, Webinare, Podcasts, Medienpartnerschaften oder Sponsoring rund um Branchenveranstaltungen.
Der entscheidende Unterschied zur klassischen Pressearbeit liegt in der Planbarkeit.
Bei Earned Media entscheidet eine Redaktion, ob und wie sie über ein Thema berichtet. Bei einem bezahlten Format lässt sich die Präsenz wesentlich genauer steuern.
Das macht Paid Media vor allem dann interessant, wenn ein Unternehmen zu einem bestimmten Zeitpunkt bei einer klar definierten Zielgruppe sichtbar sein möchte. Ein typischer Fall ist eine Fachmesse.
Ein Unternehmen möchte dort ein neues Themenfeld besetzen. Der Nachrichtenwert reicht möglicherweise nicht aus, um mehrere redaktionelle Beiträge zu erreichen. Eine gezielte Kombination aus Medienarbeit, Fachnewsletter, Sponsored Content und eigener Kommunikation kann dann sinnvoller sein als die Hoffnung auf möglichst viele kostenlose Veröffentlichungen.
Auch für Whitepaper, Webinare oder umfangreiche Fachinformationen können bezahlte Fachmedienformate interessant sein, weil sie gezielt Interessenten zu einem weiterführenden Inhalt führen können.
Wichtig ist allerdings, Paid Content nicht wie eine gekaufte Pressemitteilung zu behandeln.
Ein Advertorial wird nicht automatisch besser, nur weil das Unternehmen mehr Kontrolle über den Inhalt besitzt.
Auch dort gilt: Das Problem des Lesers ist interessanter als die Selbstdarstellung des Unternehmens. In der Praxis ergänzen sich die Bereiche deshalb häufig:
Pressearbeit schafft unabhängige Aufmerksamkeit. Paid Media sorgt für planbare Präsenz. Eigene Inhalte liefern die fachliche Tiefe.
Fachwissen aus dem Unternehmen nutzen
Eine der besten Quellen für gute Themen sitzt meist nicht in der Kommunikationsabteilung.
Sie sitzt in Produktion, Entwicklung, Einkauf, Vertrieb, Nachhaltigkeitsmanagement oder Geschäftsführung. Ein Produktionsverantwortlicher weiß, an welcher Stelle ein Prozess seit Jahren Schwierigkeiten bereitet.
Der Einkauf erlebt Veränderungen bei Rohstoffen und Lieferketten oft früh. Entwickler können erklären, warum bestimmte Lösungen bislang nicht funktioniert haben.
Der Vertrieb hört täglich, welche Fragen Kunden stellen. Kommunikation sollte deshalb nicht erst dann auf die Fachabteilung zukommen, wenn ein fast fertiger Text freigegeben werden muss.
Besser ist es, Experten bereits bei der Themenfindung einzubeziehen.Ein halbstündiges Gespräch kann reichen. Dabei sind Fragen nach Problemen häufig ergiebiger als Fragen nach Produkten:
Was beschäftigt Kunden gerade?
Was hat sich im Markt verändert?
Welche Entwicklung überrascht?
Wo gibt es häufig Missverständnisse?
Welche Entscheidung müssen Kunden momentan treffen?
Welche Zahlen oder Erfahrungen können wir dazu beitragen?
Auf diese Weise entstehen Themen aus der tatsächlichen Praxis des Unternehmens und nicht aus einem Redaktionsplan, der ausschließlich am Schreibtisch entstanden ist.
Fachpressearbeit braucht Präzision statt Massenversand

Ein guter Text allein sorgt noch nicht für eine Veröffentlichung. Mindestens genauso wichtig ist die Auswahl der richtigen Medien. Dazu gehört, Themenpläne und Ressorts zu kennen und herauszufinden, welcher Redakteur ein bestimmtes Gebiet tatsächlich betreut.
Cision zeigt in seiner Befragung von mehr als 3.000 Journalisten, wie wichtig diese Passgenauigkeit ist: 86 Prozent geben an, einen Pitch abzulehnen, wenn er nicht zu ihrem Themengebiet oder ihrer Zielgruppe passt. [4]
Das spricht ziemlich deutlich gegen das Prinzip „möglichst großer Verteiler“. Ein Chemieunternehmen sollte beispielsweise nicht jede Meldung an sämtliche Chemieredaktionen schicken. Ein Standortthema kann eher in Wirtschaft oder Region gehören, eine neue Produktionsmethode in die Verfahrenstechnik und ein Rohstoffthema wiederum in ein anderes Ressort.
Gute Medienarbeit bedeutet deshalb nicht, möglichst viele Kontakte zu besitzen. Man muss wissen, welcher Kontakt wann relevant ist.
Der Pitch sollte erklären, warum das Thema interessant ist
Eine Pressemitteilung liefert Informationen. Der Pitch hat eine andere Aufgabe.
Er beantwortet für den Journalisten möglichst schnell die Frage:
Warum könnte genau dieses Thema zu meinem Medium passen?
Nehmen wir wieder das Beispiel eines Lebensmittelherstellers.
Ein Pitch könnte so beginnen:
"Guten Tag Frau Beispiel, unser Werk stellt derzeit einen zentralen Produktionsprozess um. Die neue Linie erhöht nicht nur die Kapazität, sondern benötigt nach ersten Produktionsdaten deutlich weniger Prozessenergie. Da Sie regelmäßig über Energieeffizienz in der Lebensmittelproduktion berichten, könnten insbesondere die Erfahrungen aus den ersten Betriebsmonaten interessant sein.Wir können Ihnen die Produktionsdaten sowie einen Ansprechpartner aus dem Werk für ein Hintergrundgespräch zur Verfügung stellen."
Das Unternehmen steht nicht im ersten Satz im Mittelpunkt. Das Thema steht dort.
Dieser kleine Unterschied kann in der Praxis viel ausmachen.
Wie gelingt Krisenkommunikation in Industrieunternehmen?

Krisenkommunikation verdient in der Industrie besondere Aufmerksamkeit. Produktionsstörungen, Arbeitsunfälle, Rückrufe, Cyberangriffe, Umweltvorfälle, Qualitätsprobleme oder Lieferausfälle können sehr unterschiedliche Unternehmen treffen.
Im Ernstfall stehen Kommunikationsverantwortliche häufig vor einem Zielkonflikt:
Es muss schnell kommuniziert werden, obwohl noch nicht alle Fakten feststehen.
Gerade dann sollte ein Unternehmen nicht versuchen, Unsicherheit mit vermeintlicher Sicherheit zu überdecken.
Besser ist es, klar zu unterscheiden:
Was wissen wir?
Was prüfen wir gerade?
Was können wir momentan noch nicht beantworten?
Ein Satz wie „Die Ursache wird derzeit untersucht, dazu können wir noch keine belastbare Aussage treffen“ ist oft glaubwürdiger als eine vorschnelle Erklärung, die wenige Stunden später korrigiert werden muss.mIndustrieunternehmen sollten mögliche Krisenszenarien deshalb nicht erst diskutieren, wenn sie eintreten.
Zuständigkeiten, Erreichbarkeit, Freigabewege und Ansprechpartner sollten vorher geklärt sein. Bei komplexen Vorfällen müssen häufig Kommunikation, Geschäftsführung, Fachabteilung, Arbeitssicherheit, Recht und gegebenenfalls Behörden eng zusammenarbeiten.
Krisenkommunikation beginnt nicht mit der ersten Journalistenanfrage. Sie beginnt mit Vorbereitung.
Messe-PR beginnt lange vor dem Messestand

Für zahlreiche Industriebranchen bleiben Fachmessen wichtige Kommunikationsanlässe.
Sie bringen Kunden, Wettbewerber, Experten und Fachjournalisten innerhalb weniger Tage zusammen. Gerade deshalb ist Aufmerksamkeit knapp.
Wer erst kurz vor Messebeginn über PR nachdenkt, verschenkt Chancen.
Größere Messethemen sollten mehrere Wochen vorher vorbereitet werden. Dazu gehören nicht nur Presseinformationen, sondern auch mögliche Interviews, Bilder, Zahlen, Ansprechpartner und Hintergrundmaterial.
Die HANNOVER MESSE stellt beispielsweise eigene Bereiche für Presseinformationen der Aussteller, Pressetermine sowie Bild- und Videomaterial bereit. [5]
Während der Veranstaltung geht es vor allem um Verfügbarkeit.
Kann ein Journalist kurzfristig mit dem richtigen Experten sprechen?
Sind Bilder sofort verfügbar?
Lassen sich Rückfragen schnell beantworten?
Interessant wird die Messearbeit häufig auch danach. Aus einem kurzen Gespräch am Stand kann Wochen später ein Fachartikel oder ein ausführlicher Hintergrundbericht entstehen. Messe-PR ist deshalb eher ein Kommunikationszeitraum als ein einzelner Termin.
Pressearbeit und Content Marketing zusammendenken
Eine gute Geschichte verliert ihren Wert nicht mit der Veröffentlichung. Ein Gespräch mit einem internen Experten kann zunächst einen Fachartikel liefern. Ein Teil davon eignet sich anschließend für LinkedIn. Auf der Unternehmenswebsite kann ein Aspekt ausführlicher erklärt werden. Daten lassen sich möglicherweise visualisieren. Der Vertrieb kann den veröffentlichten Fachbeitrag in Kundengesprächen nutzen.
Dabei geht es nicht darum, denselben Inhalt überall zu kopieren. Jeder Kanal erfüllt eine andere Aufgabe. Gerade bei erklärungsbedürftigen B2B-Themen entsteht Sichtbarkeit häufig erst durch das Zusammenspiel mehrerer Kontakte. Pressearbeit ist damit ein Baustein eines größeren Kommunikationssystems.
So greifen Industrie-PR, SEO und GEO ineinander

Auch die Informationssuche verändert sich. Kunden, Journalisten oder potenzielle Bewerber informieren sich nicht mehr nur über Fachzeitschriften oder klassische Google-Ergebnisse.
Unternehmenswebsites, LinkedIn, Fachportale, Google AI Overviews, ChatGPT, Perplexity und andere KI-Angebote kommen hinzu.
Für Industrieunternehmen wird damit eine Frage wichtiger:
Welche belastbaren Informationen über unser Unternehmen und unsere Themen sind öffentlich verfügbar?
Der Bundesverband Industrie Kommunikation weist in seiner GEO-Einordnung darauf hin, dass Industrieunternehmen häufig über besonders wertvolle Informationen verfügen: technische Daten, Anwendungswissen, Spezifikationen und Fachwissen. Gleichzeitig können unabhängige Quellen wie Fachmedien und Verbände das öffentlich sichtbare Informationsbild ergänzen. [6]
Das bedeutet nicht, dass ein Presseartikel automatisch zu einer Erwähnung in ChatGPT führt.
Eine solche Garantie gibt es nicht. Sinnvoll ist vielmehr ein Zusammenspiel aus eigenen Inhalten und unabhängigen Quellen. Google selbst betont bei seinen generativen Suchfunktionen weiterhin die bekannten SEO-Grundlagen. Ein besonderes „GEO-Markup“ ist nicht erforderlich. Gute Inhalte müssen vor allem zugänglich, verständlich, eigenständig und technisch sauber auffindbar sein. [7]
Pressearbeit kann dazu beitragen, Expertise außerhalb der eigenen Website sichtbar zu machen. Die Website wiederum sollte die fachliche Tiefe liefern, wenn jemand anschließend weiterrecherchiert.
KI kann Pressearbeit unterstützen – die Verantwortung bleibt im Unternehmen
KI kann viele Aufgaben in der Kommunikation erleichtern. Ein langes Experteninterview lässt sich transkribieren und strukturieren. Themen können recherchiert, Informationen zusammengefasst und verschiedene Textvarianten vorbereitet werden.
Gerade bei Industrieinhalten ist aber Vorsicht angebracht. Ein falsch übernommener Leistungswert, eine verwechselte Norm oder eine erfundene Produkteigenschaft ist mehr als ein kleiner redaktioneller Fehler.
Cisions State of the Media Report 2025 zeigt auch auf journalistischer Seite eine deutliche Skepsis: 72 Prozent der Befragten äußerten Bedenken hinsichtlich sachlicher Fehler in KI-generiertem PR-Material. Ein sinnvoller Grundsatz lautet deshalb:
KI unterstützt die Redaktion. Fachleute prüfen die Fakten. Menschen verantworten die Veröffentlichung.
Wie lässt sich der Erfolg von Industrie-Pressearbeit messen?

Die Zahl der Veröffentlichungen sagt nur begrenzt etwas über den Erfolg aus. Fünf Artikel auf wenig relevanten Websites können weniger wertvoll sein als ein ausführlicher Beitrag in einem zentralen Branchenmedium. Deshalb sollte zunächst die Qualität der Platzierungen betrachtet werden.
Wurde das gewünschte Thema aufgegriffen?
Ist das Unternehmen in einem relevanten Medium präsent?
Wurde ein eigener Experte zitiert?
Sind die Aussagen fachlich korrekt wiedergegeben?
Danach lässt sich betrachten, was anschließend passiert.
Kommen Leser auf die Unternehmenswebsite?
Werden bestimmte Inhalte häufiger gesucht oder heruntergeladen?
Entstehen Anfragen?
Steigt die Sichtbarkeit eines Experten auf LinkedIn?
Melden sich weitere Redaktionen?
Die internationale Kommunikationsorganisation AMEC empfiehlt ebenfalls, Kommunikation nicht nur anhand von Aktivitäten und Reichweiten zu messen, sondern stärker auf Outcomes und tatsächliche Wirkung zu schauen. [8]
Bei Industrieunternehmen mit langen Entscheidungsprozessen wird sich eine einzelne Veröffentlichung trotzdem selten direkt einem Auftrag zuordnen lassen.
Das ist auch nicht zwingend erforderlich. Pressearbeit soll langfristig dazu beitragen, Vertrauen, Sichtbarkeit und fachliche Positionierung aufzubauen.
Ein realistischer Einstieg in die Industrie-Pressearbeit
Wer Industrie-Pressearbeit neu aufbaut, sollte nicht einfach mit einzelnen Pressemitteilungen starten. Sinnvoller ist es, zunächst eine klare Grundlage zu schaffen und daraus einen Redaktions- und Themenplan zu entwickeln.
Dafür lohnt sich zuerst der Blick ins eigene Unternehmen:
Welche Investitionen stehen an?
Welche Veränderungen gibt es in Produktion, Forschung oder Nachhaltigkeit?
Welche Fragen beschäftigen Kunden?
Welche Messen, Branchentermine oder regulatorischen Entwicklungen sind relevant?
Gibt es eigene Daten, Studien oder Experten, die interessante Einblicke liefern können?
Aus diesen Informationen entsteht ein Themenplan für die kommenden Monate. Er sollte geplante Anlässe ebenso enthalten wie Themen, die sich unabhängig von Produktneuheiten entwickeln lassen. Dazu können beispielsweise Standortinvestitionen, Fachartikel, Experteninterviews, Messekommunikation, Marktbeobachtungen oder eigene Daten gehören. Parallel werden die relevanten Medien und Ansprechpartner recherchiert und den Themen zugeordnet.
Der Redaktionsplan gibt Struktur, darf aber nicht starr sein. Pressearbeit muss genügend Raum für aktuelle Entwicklungen, kurzfristige Medienanfragen oder unerwartete Ereignisse lassen.
Für den Einstieg ist deshalb nicht entscheidend, möglichst viele Themen gleichzeitig zu veröffentlichen. Wichtiger ist, kontinuierlich relevante Geschichten zu entwickeln und die richtigen Medien gezielt anzusprechen.
Fazit: Industrie-PR beginnt nicht beim Produkt
Industrieunternehmen verfügen häufig über mehr relevante Geschichten, als auf den ersten Blick erkennbar ist. Sie stecken in Investitionen, Produktionsprozessen, Forschung, Standortentscheidungen, Lieferketten, Menschen, Marktdaten und Veränderungen innerhalb einer Branche.
Die Aufgabe professioneller Pressearbeit besteht darin, diese Entwicklungen nicht nur aus Unternehmenssicht zu erzählen.
Eine Redaktion interessiert zunächst:
Was ist passiert? Warum ist das relevant?
Wen betrifft es?
Und was können Sie belegen?
Wer darauf gute Antworten liefern kann, braucht nicht für jede Pressemitteilung eine spektakuläre Produktinnovation. Manchmal ist eine Werkserweiterung die bessere Geschichte. Manchmal sind es neue Daten.
Manchmal ein Experte, der eine Marktveränderung verständlich einordnen kann.
Und manchmal besteht gute Pressearbeit auch darin, eine interne Nachricht nicht an die Presse zu schicken. Gerade darin liegt der Unterschied zwischen bloßer Unternehmenskommunikation und professioneller Medienarbeit.
FAQ zur Pressearbeit in der Industrie
Was versteht man unter Pressearbeit in der Industrie?
Pressearbeit in der Industrie umfasst die gezielte Kommunikation produzierender Unternehmen mit journalistischen Medien. Themen können von Produkten und Produktion über Investitionen, Forschung, Nachhaltigkeit und Personal bis hin zu Wirtschaftsentwicklung und Krisenkommunikation reichen.
Industrie-PR dasselbe wie technische PR?
Nein. Technische PR ist ein wichtiger Teilbereich, insbesondere bei erklärungsbedürftigen Produkten und Verfahren. Industrie-PR ist jedoch breiter und umfasst beispielsweise auch Standortkommunikation, Unternehmensentwicklung, Nachhaltigkeit, Personalthemen oder Krisen.
Welche Medien sind für Industrieunternehmen wichtig?
Das hängt stark von Branche und Thema ab. Neben klassischen Fachmedien können Wirtschafts-, Regional-, Technologie-, Nachhaltigkeits- oder Branchenmedien relevant sein. Entscheidend ist weniger die Größe eines Mediums als die Passung zur Zielgruppe.
Welche Themen eignen sich für Industrie-Pressearbeit?
Geeignet sind unter anderem größere Investitionen, neue Produkte, Veränderungen von Produktionsprozessen, Forschung, eigene Daten, Nachhaltigkeitsmaßnahmen, Standortentwicklungen, Personalthemen und relevante Marktveränderungen.
Muss jedes Industrieunternehmen Pressemitteilungen verschicken?
Nein. Nicht jedes Thema benötigt eine Pressemitteilung. Fachartikel, Interviews, Anwenderberichte, Hintergrundgespräche oder Studien können je nach Thema sinnvoller sein.
Wann lohnt sich Sponsored Content?
Bezahlte Formate sind insbesondere dann interessant, wenn Sichtbarkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt planbar sein soll oder ein Thema für eine Zielgruppe relevant ist, aber keinen ausreichenden Nachrichtenwert für redaktionelle Berichterstattung besitzt.
Wie wichtig ist Krisenkommunikation für Industrieunternehmen?
Sie sollte Teil der Kommunikationsplanung sein. Je nach Branche können beispielsweise Produktionsstörungen, Rückrufe, Umweltvorfälle, Arbeitsunfälle oder Lieferprobleme erhebliche öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen. Zuständigkeiten und Kommunikationswege sollten deshalb möglichst vor einer Krise geklärt sein.
Kann Pressearbeit die Sichtbarkeit bei Google verbessern?
Pressearbeit kann indirekt zur digitalen Sichtbarkeit beitragen, beispielsweise durch Erwähnungen, Verlinkungen, zusätzliche Fachquellen und eine stärkere Markenwahrnehmung. Eine bestimmte Position in den Google-Suchergebnissen lässt sich dadurch jedoch nicht garantieren.
Kann Fachpressearbeit bei der Sichtbarkeit in KI-Systemen helfen?
Seriöse externe Quellen können das öffentlich verfügbare Informationsbild eines Unternehmens erweitern. Ob ChatGPT, Google oder ein anderes KI-System eine bestimmte Quelle tatsächlich verwendet oder ein Unternehmen nennt, lässt sich jedoch nicht garantieren.
Kann KI technische Pressemitteilungen schreiben?
KI kann bei Recherche, Strukturierung und Entwürfen unterstützen. Technische Aussagen, Zahlen, Normen und Leistungsversprechen sollten jedoch immer fachlich geprüft werden.
Quellen
[1] Statistisches Bundesamt – Klassifikation der Wirtschaftszweige / Industrie und Verarbeitendes Gewerbe Amtliche Einordnung des Verarbeitenden Gewerbes und seiner unterschiedlichen Wirtschaftszweige.https://www.destatis.de/DE/Methoden/Klassifikationen/Gueter-Wirtschaftsklassifikationen/klassifikation-wz-2025.html
[2] Deutsche Fachpresse – Sonderauswertung LAE 2024 Auswertung zur Nutzung von Fachzeitschriften und digitalen Fachmedien durch berufliche Entscheider.https://www.deutsche-fachpresse.de/
[3] Statistisches Bundesamt – Energieintensive Industriezweige
Informationen zur Bedeutung des Energieverbrauchs in der deutschen Industrie.https://www.destatis.de/DE/Themen/Branchen-Unternehmen/Industrie-Verarbeitendes-Gewerbe/produktionsindex-energieintensive-branchen.html
[4] Cision – 2025 State of the Media Report
Internationale Befragung von mehr als 3.000 Journalisten zu Pressemitteilungen, Medien-Pitches, Zusammenarbeit mit PR und KI.https://www.cision.com/resources/guides-and-reports/2025-state-of-the-media-report/
5] HANNOVER MESSE – Pressebereich
Informationen zu Presseterminen, Ausstellerinformationen sowie Bild- und Videomaterial.https://www.hannovermesse.de/de/presse/
[6] Bundesverband Industrie Kommunikation (bvik) – „GEO ohne Wunderversprechen: Was wirkt im B2B“, 2026 Einordnung zur Sichtbarkeit von Industrieunternehmen in generativen Such- und Antwortsystemen.https://bvik.org/blog/2026/07/geo/
[7] Google Search Central – „Optimizing your website for generative AI features on Google Search“, 2026 Offizielle Google-Empfehlungen für Inhalte und technische Voraussetzungen in AI Overviews und AI Mode.https://developers.google.com/search/docs/fundamentals/ai-optimization-guide
[8] AMEC – Integrated Evaluation Framework
Internationales Framework zur Messung von Kommunikation über Outputs hinaus bis zu Outcomes und Wirkung.https://amecorg.com/amecframework/home/
Quellen geprüft: August 2026.



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